

Wolfgang Henning – Im Wind der Zeit. Bilder 1970–2025
Ausstellung in der Galerie Alfred Knecht 16. Januar – 14. Februar 2026 Einführungsrede von Dr. Ursula Merkel
Lieber Alfred Knecht, lieber Wolfgang Henning, meine Damen und Herren,
„Im Wind der Zeit. Bilder 1970 bis 2025“ hat Wolfgang Henning seine Ausstellung betitelt. Zu sehen sind Gemälde und Zeichnungen aus einer Zeitspanne von fünfeinhalb Jahrzehnten. Die frühesten Exponate reichen zurück bis in die Studienzeit des Künstlers an der Karlsruher Kunstakademie, die jüngsten Bilder sind gerade erst vor kurzem fertiggestellt worden – die Präsentation hat also ohne Frage retrospektiven Charakter.
Das künstlerische Gesamtwerk von Wolfgang Henning wird hier in der Galerie Alfred Knecht in konzentrierter Form und mit dem Schwerpunkt auf der Malerei vorgestellt. Nicht alle Werkgruppen und Serien sind mit Beispielen vertreten. Insbesondere das grafische Schaffen, 2006 hier an diesem Ort ausführlich vorgestellt, bleibt weitgehend ausgeklammert. Aber die signifikanten, wesentlichen Linien von Hennings Kunst treten dennoch deutlich hervor. Seit den Studienjahren in Karlsruhe, die mehr als ein halbes Jahrhundert zurückliegen, entwickelte der Maler und Zeichner konsequent ein eigenständiges, unverwechselbares Oeuvre, das sich bis heute ausnahmslos im Figürlich-Gegenständlichen bewegt. Dabei geht es ihm nicht um das Abbildhafte der äußeren Realität, seine Bildsprache ist vielmehr von einer expressiven, formvereinfachenden Unmittelbarkeit geprägt. Die Grenze zur Ungegenständlichkeit hat Wolfgang Henning zwar mitunter berührt, aber nie überschritten.
Dies hat ihn auch nie wirklich interessiert, denn die Beschäftigung mit dem Menschenbild übt eine viel zu große Faszination auf ihn aus, wie er selbst gerne betont. Das war von Anfang an so und hat sich im Laufe der Jahre nicht geändert. Seine Aufmerksamkeit gilt den individuellen und kollektiven Bedingungen menschlicher Existenz, sie richtet den Blick auf gesellschaftliche und politische Zustände, reflektiert das Abgründige im Alltäglichen. Mit Vorliebe thematisiert Wolfgang Henning das Spannungsfeld zwischen Vereinzelung und anonymer Masse. Seine Bilder sind Spiegel seines Nachdenkens über die Welt, sind Ausdruck seiner Erinnerungen und Gefühle. Er ist entlarvender Beobachter und scharfsichtiger Kommentator – allerdings ohne moralischen Zeigefinger, eher mit einem melancholisch-ironischen Unterton, mit einem besonderen Sinn für das Komische im Tragischen und – ganz wichtig – mit hintergründigem Humor. Dabei erweist er sich immer wieder auch als versierter Kenner der Literatur und Philosophie, aus denen er viele Inspirationen zu seinen Bildideen schöpft.
Überblickt man Hennings malerisches Gesamtwerk, wie wir es hier exemplarisch betrachten können, so wird deutlich, dass es sich nicht in heftigen Zäsuren und Brüchen entfaltet hat, sondern eher in allmählichen Übergängen, schrittweisen Wandlungen. Natürlich lassen sich in der langen Arbeitszeit von 1970 bis heute unterschiedliche, in stilistischer, thematischer und maltechnischer Hinsicht differierende Werkgruppen ausmachen. Doch gerade für die Entwicklung der letzten zwei, drei Jahrzehnte gilt, dass es keine starren Abgrenzungen eines Davor und Danach gibt, eher ein Beschreiten von Wegen, zwischen denen zahlreiche Querverbindungen zu entdecken sind.
So erscheint es nur folgerichtig, wie die Exponate in den Räumen der Galerie verteilt wurden. Abgesehen vom hinteren Raum mit den ganz frühen Zeichnungen orientiert sich die Hängung nicht an einer strikten Chronologie, sie greift vielmehr thematische Bezüge auf und verdeutlicht so spannende Verbindungen der Werke untereinander. Auf diese Weise werden Aspekte, Fragestellungen, Vorlieben und Leitmotive anschaulich, die sich wie rote Fäden durch das gesamte Œuvre des Künstlers ziehen.
Wie ist nun der künstlerische Weg von Wolfgang Henning verlaufen, wie dürfen wir uns seinen Werdegang und die Herausbildung seiner eigenen Bildsprache vorstellen? Einige Anmerkungen zur Biografie seien an dieser Stelle erlaubt. Wolfgang Henning wurde 1946 in Leutkirch im Allgäu geboren. Sein Vater war der im deutschen Südwesten nach dem Zweiten Weltkrieg sehr bekannte Maler Erwin Henning. In dem kulturell aufgeschlossenen Elternhaus wurden die künstlerischen Interessen des Sohnes, auch die Beschäftigung mit Literatur, Musik und Philosophie, frühzeitig gefördert und unterstützt. Vieles, was später essentiell geworden ist für Hennings Bildwelt, nahm hier seinen Anfang. Im Atelier des Vaters lernte er die handwerklichen Grundlagen der Malerei gewissermaßen von der Pike auf und aus dem Kreis der väterlichen Künstlerkollegen und -kolleginnen ergaben sich wegweisende persönliche Kontakte, u. a. zu Ida Kerkovius, Otto Herbert Hajek und vor allem HAP Grieshaber. Im Alter von 20 Jahren begegnete der junge Henning erstmals seinem späteren Lehrer Herbert Kitzel, als dieser 1966 eine Ausstellung in der Städtischen Galerie Ravensburg hatte, und war von dessen Arbeiten tief beeindruckt. Als etwas später das Studium an einer Kunstakademie und die Wahl des geeignetsten Studienortes anstand, fiel dem angehenden Künstler die Entscheidung nicht schwer.
Die Akademie in Karlsruhe genoss einen ausgezeichneten Ruf und – vor allem – sie hatte sich damals zunächst als Keimzelle und bald auch als Zentrum einer neuen figurativen Kunst einen weit ausstrahlenden Namen gemacht. Um 1960, also einige Jahre vor Hennings Studienbeginn in der Fächerstadt, etablierte sich an der hiesigen Akademie in Abkehr von der seinerzeit dominierenden ungegenständlichen Malerei eine völlig neue Richtung. In ihr wird das Figürliche nicht als äußeres Abbild, sondern eher als innere Vorstellung, in chiffrenhaften Verkürzungen und Andeutungen sichtbar. Unter dem Begriff der „Neuen Figuration“ markiert dieses Phänomen den in jener Zeit ohne Frage fruchtbarsten und folgenreichsten Beitrag innerhalb der Karlsruher Kunstszene. HAP Grieshaber, Wilhelm Loth und Herbert Kitzel, alle Professoren an der Akademie, waren wegweisende Impulsgeber für die Entstehung des neuen Figurenbildes. Von der Generation der Schüler aufgegriffen und weiterentwickelt, ist diese künstlerische Strömung bis heute lebendig geblieben – so auch im Werk von Wolfgang Henning, der längst zu den profiliertesten Vertretern des freien Figurenbildes zählt. Das Studium an der Karlsruher Akademie, wo neben Herbert Kitzel auch Horst Egon Kalinowski zu seinen Lehrern gehörte, beendete Henning Mitte der 70er Jahre. Seither lebt er als freischaffender Künstler in Karlsruhe und Leutkirch.
Hier in der Ausstellung stammen die ältesten Arbeiten aus den Studienjahren um 1970. Der hintere Galerieraum beinhaltet ein kleines grafisches Kabinett mit einer Auswahl der äußerst präzise angefertigten Zeichnungen aus der Anfangszeit. Sie zeigen merkwürdig verformte und verfremdete Figuren in surrealen Situationen, gezeichnet mit einem extrem spitzen Bleistift, teils auch mit Buntstiften. Diese Blätter, in denen schon früh – wenn auch unter anderen Vorzeichen – Hennings ausgeprägte Vorliebe für Groteskes und Skurriles in Erscheinung tritt, waren bislang tatsächlich nur zwei Mal ausgestellt: Direkt zur Zeit ihrer Entstehung, nämlich 1971 in Tübingen, und dann erst wieder im vergangenen Jahr in der Galerie Bodenseekreis in Meersburg.
1978 erhielt Wolfgang Henning den Villa-Massimo-Preis. In dieser Schaffensphase standen großformatige Landschaftszeichnungen im Zentrum seines Interesses – eine Arbeit aus dieser Werkgruppe ist hier zu sehen. Nach einigen Jahren der intensiven Tätigkeit als Zeichner drängte es den Künstler allerdings wieder zurück zur Malerei, zur Farbe und zum Figurenbild. Auf der Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten formierten sich Anfang der 80er Jahre erstmals Darstellungen von Köpfen und Menschenansammlungen, zunächst noch im Medium der Zeichnung, bald auch in der Malerei: Das war der Beginn seiner sog. „Jagdgesellschaften“, einer umfangreichen Werkgruppe, die in Variationen bis heute fortgeführt wird.
Der Begriff „Jagdgesellschaft“ ist zunächst etwas irreführend, denn es geht keineswegs um höfisch-galante Vergnügungen, um Jägerglück oder gar röhrende Hirsche. Der Titel ist vielmehr im übertragenen Sinne gemeint, als Bild einer Massengesellschaft, in der, wie Peter Renz es formulierte, “jeder jeden jagt, wo die Gemeinsamkeit der Individuen nur noch darin besteht, dass sie alle wie die Lemminge einem unbekannten Ziel nachrennen, das immer außerhalb des Bildes liegt, im Irgendwo“. Gemeinsames Merkmal der Bilder sind unüberschaubare Menschenmengen mit fratzenhaften, grimmigen, gleichsam erstarrten Gesichtern, im Profil und in der Bewegungsrichtung von rechts nach links orientiert, zuweilen auch frontal wiedergegeben. Keine „Jagdgesellschaft“ gleicht der anderen, sie sind mal mehr, mal weniger kleinteilig angelegt. Farb- und Formgebung variieren und bestimmen den jeweiligen Ausdruck: Manche Arbeiten lassen an kindhafte Kritzeleien denken, andere wirken in ihrer grauen Monotonie geisterhaft, während die Wahl der Farben die Aggressivität der Szenen verstärken oder abschwächen kann. Auch wenn wir nicht genau sagen können, um was für Gruppierungen – oder vielleicht besser um was für Horden – es sich im einzelnen handelt und was sie antreibt, lösen die Bilder eine unheimliche, beklemmende, ja bedrohliche Stimmung aus.
Im Laufe der Jahre wurde die Malerei von Wolfgang Henning koloristisch immer reicher und zunehmend freier, expressiver. Bei jedem Bild liegen viele Schichten übereinander, malerische und grafische Elemente verschränken sich zu einer unlösbaren Einheit. Das prozesshafte Vorgehen der Arbeitsweise ohne an eine vorgefasste detaillierte Idee gebunden zu sein, die Freude am Experimentieren und am spielerisch-sinnlichen Umgang mit den Malmitteln teilen sich ganz direkt mit.
Neben den „Jagdgesellschaften“ und anderen vielfigurigen Bildschöpfungen wie etwa die „Schaulustigen“ oder die „Querulantenversammlungen“ stehen einzelne Figuren und Köpfe bzw. Gesichter und Porträts von konkreten Individuen oder von bestimmten Menschentypen. Manche sind literarisch inspiriert, manche frei erfunden, alle schauen sie hinter die äußere Fassade. Kennzeichnend ist die bevorzugt ironisch-karikaturhafte Zuspitzung, aber es gibt auch Beispiele, die eine enge emotionale Bindung bezeugen.
So auch die Katzenbilder, genauer gesagt die Katzenporträts, denn es sind tatsächlich Bildnisse, mit denen Wolfgang Henning seine geliebten Hausgenossen verewigt hat. Schon als kleiner Junge hatte er eine besondere Zuneigung zu den Samtpfoten entwickelt. „Im Gegensatz zu manchen Menschen“, so sagte er einmal in einem Interview, „waren alle meine Katzen bewundernswerte Lebewesen“.
Sie sehen, meine Damen und Herren, jedes Bild von Wolfgang Henning beinhaltet viel mehr, als es auf den ersten Blick vielleicht erscheinen mag. Ohne je ins Illustrative abzugleiten, werden ganze Geschichten erzählt. Das erfordert von uns, den Betrachtenden, die Bereitschaft sich darauf einzulassen. Die Bilder bieten viel Raum, um ihnen mit freien, individuellen Assoziationen zu begegnen. Genau dies ist auch die Absicht des Künstlers. Die von ihm gewählten Titel können dabei – müssen aber keineswegs – eine Hilfestellung sein.
In einem Fall hat uns Wolfgang Henning einen kleinen Text zum Verständnis mitgeliefert. Es handelt sich um das gerade erst fertiggestellte Gemälde „Morgendlicher Spaziergang in der Alten Weingartener Straße“; es hängt hier im Durchgang. Mehr dazu sei an dieser Stelle nicht gesagt – entdecken Sie selbst, welches Erlebnis den Künstler zu diesem Bild angeregt hat.
© Galerie Knecht und Burster, 2019